06.10.12 | Artikel Märkische Allgemeine vom 06.10.2012

POTSDAM -   Martina Rädiger aus Berlin sitzt der Schock noch tief in den Gliedern. Auf einer Koppel unweit von Liebenwalde (Oberhavel) hatte sie einen jungen Wallach stehen. Jedenfalls bis Ende August dieses Jahres: Damals wurde das junge Pferd von Jägern erschossen. „Hinter der Koppel ist eine Suhle für Wildschweine“, berichtet die 46-jährige Erzieherin. „Da waren sie am Abend auf der Jagd. Am nächsten Mittag kamen sie auf den Hof und sagten, sie hätten wohl aus Versehen das Pferd getroffen.“

Solche Situationen könnten sich künftig häufen – zumindest im Kreis Potsdam-Mittelmark, wo jetzt auch auf öffentlichen Straßen und Plätzen ohne Genehmigung gejagt werden darf (MAZ berichtete). Der Vorstoß der unteren Jagdbehörde in Bad Belzig soll helfen, die Wildschweinplage in Stahnsdorf und Kleinmachnow in den Griff zu bekommen – stößt aber gerade bei Jägern auf Kritik. „Man kann nicht Horrido rufen und in der Innenstadt zur Jagd blasen“, sagt der Kleinmachnower Jagdpächter Peter Hemmerden.

Bisher war für die Jagd im öffentlichen Raum eine Sondergenehmigung nötig. Damit sei er wenigstens „ein bisschen abgesichert“ gewesen, so Hemmerden. Wenn er jetzt mitten auf der Straße sein Gewehr aus dem Auto nehme, könne schon allein dieser Griff gegen das Waffengesetz verstoßen. Oder gegen das Bundesjagdgesetz, wonach die öffentliche Sicherheit nicht gefährdet werden darf.

Mit der neuen Erlaubnis solle man „äußerst vorsichtig umgehen“, empfiehlt er. Das sieht auch Olaf Ihlefeldt so, Verwalter des Stahnsdorfer Südwestkirchhofes und lange Vorsitzender der örtlichen Jagdgenossenschaft. „Jeder Jäger, der in der Ortslage jagt, ist geradezu lebensmüde“, schimpft er. „Ich kann mitten in einer Ortschaft niemals einschätzen, ob nicht doch jemand hinter einem Busch vorspringt. Es ist ein extremes Risiko.“

Ihlefeldt kennt das Problem aus eigener Anschauung. Sein Friedhof beherbergt derzeit rund 20 Rehe, die ständig die Rosensträuche auf den Gräbern abfressen, und eine Rotte von 22 Wildschweinen. „Zwei Bachen haben im Frühjahr Frischlinge unter den großen Rhododendron gesetzt und die fühlen sich jetzt hier heimisch“, sagt er. Wenn Ihlefeldt abends in der Dämmerung über seinen Friedhof schlendert, steht er den ungeliebten Gästen oft Aug in Aug gegenüber. „Die gucken einen groß an, dann klatscht man einmal in die Hände und schon rennen sie, was das Zeug hält“, erzählt er. Vor allem älteren Besuchern jagen die Schweine Angst ein, deshalb wird es auf dem Gottesacker demnächst eine richtige Treibjagd geben. Die neue Regel aus Bad Belzig hilft dabei nicht, denn auf Kirchhöfen braucht es nach wie vor eine Sondererlaubnis.

Dass die Freigabe der Jagd auf Straßen und Plätzen den Stahnsdorfern und Kleinmachnowern überhaupt hilft, ist eher unwahrscheinlich. Denn die Jagdpächter Peter Hemmerden und Peter Braun haben gar nicht vor, auf Straßen und Plätzen zu schießen. „Wir haben um Stahnsdorf und Kleinmachnow herum Hochsitze aufgebaut“, berichtet Hemmerden, „und wollen die Wildschweine dort abfangen. Das funktioniert auch ganz gut.“

Und mit weniger Risiko für die Bevölkerung. Wolfgang Seelbach vom Landeselternrat findet ohnehin, dass Schulen und Eltern vorher hätten konsultiert werden müssen. Schulen befänden sich oft am Waldrand, „Kinder spielen gern im Gebüsch“ und seien deshalb besonders gefährdet, kritisiert er.

Aber es gibt auch Befürworter der freien Jagd im öffentlichen Raum. Die Wildschweinplage im Speckgürtel sei so dramatisch, dass „man sich etwas einfallen lassen muss“, sagt Axel Müller, der für die Grünen im Kreistag Potsdam-Mittelmark sitzt. Sorgen um die Sicherheit der Bürger plagen ihn nicht: Die Jäger würden sich so verantwortungsvoll verhalten wie bisher, meint er. Das glaubt auch Martina Bellack, Sprecherin der Gemeinde Kleinmachnow. Was die Sicherheitsvorkehrungen angehe, „wird das nicht anders gehandhabt als bisher“, erklärt sie.

Martina Rädiger aus Berlin wird das wenig trösten. Die Erzieherin trauert immer noch um ihr erschossenes Pferd. Das schießwütige Verhalten der Jäger, sagt sie, „macht mir Angst. Zuvor haben wir oft die Kinder beauftragt, die Pferde auf die Weide zu bringen. Jetzt traue ich mich das nicht mehr.“ (von Klaus Stark)

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